Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Das Geheimnis eines aufgeräumten Montessori-Zimmers liegt nicht in teuren Möbeln, sondern in der millimetergenauen Anpassung des Regals an die Körpergröße Ihres Kindes, um dessen Selbstwirksamkeit gezielt zu fördern.

  • Die ideale Regalhöhe (ca. 50-63 cm für Kleinkinder) verhindert Frustration und ermöglicht echten, autonomen Zugriff.
  • Weniger ist mehr: Eine kuratierte Auswahl von 4-5 Spielzeugen auf dem Regal fördert die Konzentration und beugt Chaos vor.

Empfehlung: Messen Sie die funktionale Greifhöhe Ihres Kindes und sichern Sie alle niedrigen Möbel konsequent an der Wand, um eine sichere „Ja-Umgebung“ zu schaffen.

Kennen Sie diese Szene? Ihr Kind steht vor einem hohen Regal, reckt sich verzweifelt, kommt aber nicht an das geliebte Spielzeugauto. Frustration macht sich breit, Tränen fließen, und am Ende müssen Sie als Elternteil eingreifen. Viele reagieren auf das tägliche Chaos im Kinderzimmer mit dem Kauf von noch größeren Spielzeugkisten und höheren Schränken – ein Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen. Doch was, wenn dieser Ansatz das Problem der Unselbstständigkeit und des Chaos unwissentlich verstärkt? Was, wenn die wahre Lösung nicht darin besteht, Dinge wegzuräumen, sondern sie gezielt zugänglich zu machen?

Die Montessori-Pädagogik bietet hier eine radikal andere Perspektive. Der Schlüssel liegt nicht im Mobiliar selbst, sondern in der bewussten Gestaltung einer „vorbereiteten Umgebung“. Es geht darum, eine „Ja-Umgebung“ zu konstruieren – einen Raum, der so sicher und auf das Kind zugeschnitten ist, dass Sie als Eltern fast immer „Ja“ zu seinen Entdeckungsreisen sagen können. Die Höhe eines Regals ist dabei keine ästhetische Frage, sondern ein zentrales architektonisches Element, das die Selbstwirksamkeit – den Glauben an die eigenen Fähigkeiten – Ihres Kindes aktiv formt.

Dieser Artikel bricht mit der oberflächlichen Betrachtung von Montessori als reinem Einrichtungstrend. Stattdessen tauchen wir tief in die Entwicklungspsychologie hinter dem Konzept ein. Wir werden analysieren, warum die exakte Höhe und Anordnung von Möbeln direkten Einfluss auf die Autonomie, Konzentration und sogar die Ordnungsliebe Ihres Kindes hat. Wir zeigen Ihnen, wie Sie mit einfachen Mitteln eine Umgebung schaffen, die nicht nur schön aussieht, sondern Ihr Kind in seiner Entwicklung fundamental unterstützt und stärkt.

In den folgenden Abschnitten führen wir Sie durch die wissenschaftlichen und praktischen Aspekte der Montessori-Einrichtung. Wir entschlüsseln, wie Sie die ideale Umgebung für Ihr Kind schaffen, von der exakten Regalhöhe bis zur sicheren Gestaltung des gesamten Raumes.

Warum frustrieren hohe Schränke Kleinkinder und führen zu Unselbstständigkeit?

Ein Kleinkind, das ständig um Hilfe bitten muss, um an seine eigenen Sachen zu gelangen, lernt eine subtile, aber prägende Lektion: „Ich kann es nicht allein.“ Diese Erfahrung wiederholt sich täglich in unzähligen Kinderzimmern, in denen Möbel für Erwachsene, nicht für Kinder konzipiert sind. Hohe Schränke und Regale sind physische Barrieren, die nicht nur den Zugang zu Spielzeug blockieren, sondern auch die Entwicklung von Autonomie und Selbstvertrauen aktiv behindern. Jedes „Mama, hol mal!“ oder „Papa, ich komm nicht dran!“ ist ein kleiner Nadelstich für das wachsende Gefühl der Selbstwirksamkeit.

Diese ständige Abhängigkeit kann zu Frustration, Wutausbrüchen und einer passiven Haltung führen. Anstatt seine Umgebung selbstständig zu erkunden und Entscheidungen zu treffen, wird das Kind zum passiven Empfänger. Das berühmte Zitat von Maria Montessori, „Hilf mir, es selbst zu tun!“, ist mehr als nur ein Leitsatz; es ist eine Aufforderung, eine Umgebung zu schaffen, die diese Selbstständigkeit ermöglicht statt sie zu unterbinden. Eine Umgebung, die für das Kind unerreichbar ist, sendet die Botschaft: „Dieser Raum ist nicht für dich gemacht.“

Darüber hinaus birgt eine für Erwachsene konzipierte Umgebung erhebliche Sicherheitsrisiken. Der Versuch, an hochgelegene Gegenstände zu gelangen, führt oft zu gefährlichen Klettermanövern. Es ist daher nicht überraschend, dass laut Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rund 60 % der Unfälle von Kindern im häuslichen Umfeld passieren. Eine kindgerechte Umgebung ist also nicht nur eine Frage der Pädagogik, sondern auch der fundamentalen Sicherheit. Hohe Möbel sind somit eine doppelte Hürde: Sie untergraben das Selbstvertrauen und erhöhen das Unfallrisiko.

50 cm oder 80 cm: Welche Höhe passt zu welchem Entwicklungsstadium?

Die richtige Höhe eines Regals ist keine pauschale Angabe, sondern eine präzise Abstimmung auf die Entwicklungsphase und Körpergröße des Kindes. Ein Regal, das für ein Dreijähriges perfekt ist, kann für ein krabbelndes Baby unerreichbar sein. Die Montessori-Pädagogik empfiehlt, Möbel so zu wählen, dass sie das Kind weder unter- noch überfordern. Für Kleinkinder im Alter von etwa 18 Monaten bis 3 Jahren hat sich eine Regalhöhe von 50 bis 63 cm als ideal erwiesen. Diese Höhe entspricht ungefähr der Bauchnabel- bis Brusthöhe des Kindes und ermöglicht einen mühelosen Zugriff im Stehen.

Eine einfache Faustregel zur Orientierung lautet: Körpergröße des Kindes x 0,4 ergibt die ideale maximale Höhe für die oberste Ablagefläche, die das Kind selbstständig nutzen soll. Für jüngere, mobile Babys, die gerade erst anfangen zu krabbeln und sich hochzuziehen, sind Regale direkt über dem Boden am besten geeignet. Sobald Kinder ins Vorschulalter kommen (3-6 Jahre), kann die maximale Regalhöhe mitwachsen, sollte aber die Schulterhöhe des Kindes nicht überschreiten, um eine sichere und bequeme Entnahme zu gewährleisten.

Der deutsche Markt bietet zahlreiche Optionen, die sich gut für eine Montessori-inspirierte Einrichtung eignen, wie eine vergleichende Analyse beliebter Systeme zeigt. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über gängige und in Deutschland leicht erhältliche Modelle:

Vergleich beliebter Montessori-Regalsysteme in Deutschland
Regalsystem Höhe Altersempfehlung Material
IKEA TROFAST 53 cm 1-6 Jahre Kiefer/Kunststoff
IKEA KALLAX 77 cm 3-8 Jahre Spanplatte
Lovevery Playshelf 59 cm 0-4 Jahre FSC-Birkenholz

Während das IKEA KALLAX mit 77 cm für Kleinkinder oft schon zu hoch ist, eignen sich Systeme wie TROFAST oder das Lovevery Playshelf hervorragend für die ersten Jahre. Die Wahl des richtigen Möbels ist somit eine bewusste Entscheidung, die die physischen Fähigkeiten des Kindes respektiert und seine Autonomie fördert.

Warum hilft ein Regal mit wenigen Fächern besser gegen Chaos als eine große Spielzeugkiste?

Eine große, überquellende Spielzeugkiste wirkt auf den ersten Blick wie eine praktische Lösung, um schnell Ordnung zu schaffen. Aus der Perspektive eines Kindes ist sie jedoch das genaue Gegenteil: ein chaotischer Abgrund, der überfordert und frustriert. Das Kind sieht nur eine unübersichtliche Masse, kann einzelne Spielsachen nicht gezielt finden und verliert schnell das Interesse. Das typische Verhalten – alles auskippen, um an ein bestimmtes Teil zu gelangen – ist eine direkte Folge dieser unstrukturierten Aufbewahrung. Hier setzt die Montessori-Pädagogik auf eine simple, aber wirkungsvolle Entscheidungsarchitektur.

Ein offenes Regal mit wenigen, klar voneinander getrennten Fächern funktioniert nach dem Prinzip „Weniger ist mehr“. Statt Dutzender Spielsachen werden nur 4 bis 5 sorgfältig ausgewählte Aktivitäten präsentiert. Jedes Spielzeug hat seinen festen, sichtbaren Platz. Diese bewusste Reduktion hat mehrere Vorteile:

  • Fokus und Konzentration: Das Kind wird nicht von einer Reizüberflutung abgelenkt und kann sich tiefer und länger mit einer Sache beschäftigen.
  • Wertschätzung: Die präsentierten Spielsachen werden als etwas Besonderes wahrgenommen und mit mehr Sorgfalt behandelt.
  • Ordnungssinn: Da jedes Ding seinen festen Platz hat, lernt das Kind auf natürliche Weise, es nach dem Spielen wieder dorthin zurückzustellen. Das Aufräumen wird zu einem logischen Teil des Spielprozesses, nicht zu einer lästigen Pflicht.

Dieses Prinzip der Spielzeugrotation ist ein Kernbestandteil der Montessori-Methode. Im Fallbeispiel des Herstellers Lovevery wird dies deutlich: Ihr 2-in-1-Spielregal ist bewusst so konzipiert, dass es nur wenige Spielsachen sichtbar präsentiert, während weiterer Stauraum auf der Rückseite die Rotation erleichtert. Indem alle paar Wochen einige Spielsachen ausgetauscht werden, bleibt das Angebot für das Kind spannend und an seine Entwicklung angepasst, ohne es zu überfordern.

Aufgeräumtes Montessori-Regal mit nur 5 ausgewählten Spielzeugen in Körben

Die visuelle Klarheit eines solchen Regals schafft eine ruhige und einladende Atmosphäre. Es ist eine bewusste Entscheidung gegen das Konsumchaos und für eine Umgebung, die tiefes, selbstgesteuertes Lernen fördert.

Das Kletter-Risiko: Warum müssen auch Sideboards zwingend an die Wand gedübelt werden?

Die Schaffung einer „Ja-Umgebung“ basiert auf einem Fundament absoluter Sicherheit. Nur wenn ein Raum so gestaltet ist, dass das Kind ihn gefahrlos erkunden kann, können Eltern die nötige Gelassenheit aufbringen, um die Selbstständigkeit ihres Kindes zuzulassen. Niedrige Möbel wie Regale und Sideboards, die für Kinder leicht erreichbar sind, bergen eine oft unterschätzte Gefahr: Sie können kippen. Ein Kind, das eine offene Schublade als Trittstufe benutzt oder versucht, am Regal hochzuklettern, kann ein instabiles Möbelstück leicht zum Umstürzen bringen.

Die Folgen können verheerend sein. Die Statistik des Bundesministeriums für Gesundheit zeichnet ein ernstes Bild: mindestens 1,88 Millionen Kinder unter 15 Jahren werden in Deutschland jährlich nach einer Unfallverletzung ärztlich versorgt, viele davon aufgrund von Haushaltsunfällen. Die Verankerung von Möbeln an der Wand ist daher keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil der „vorbereiteten Umgebung“. Dies gilt für alle Möbelstücke im Kinderzimmer, die eine Höhe haben, an der sich ein Kind hochziehen könnte – auch für vermeintlich stabile, niedrige Sideboards.

Die korrekte Befestigung hängt vom Wandmaterial ab und erfordert die richtigen Dübel und Schrauben. Eine unsachgemäße Montage bietet nur eine Scheinsicherheit. Daher ist es entscheidend, die Beschaffenheit der Wand zu kennen und das passende Befestigungsmaterial zu verwenden. Die meisten Möbelhersteller, einschließlich IKEA, liefern standardmäßig Kippsicherungen mit, deren korrekte Anbringung jedoch in der Verantwortung der Eltern liegt.

Checkliste zur sicheren Wandbefestigung

  1. Wandtyp identifizieren: Klopfen Sie an die Wand. Ein hohler Klang deutet auf eine Trockenbauwand (z.B. Rigips) hin, ein massiver Klang auf eine Ziegel- oder Betonwand.
  2. Passende Dübel wählen: Verwenden Sie für massive Ziegelwände Spreizdübel (z.B. Fischer SX), für Betonwände Schwerlastdübel und für Hohlraumwände spezielle Hohlraumdübel (z.B. Kipp- oder Metalldübel).
  3. Sorgfältig montieren: Befolgen Sie exakt die Montageanleitung des Möbelstücks und des Dübelherstellers. Achten Sie darauf, tief genug zu bohren.
  4. Zugtest durchführen: Nachdem das Möbelstück befestigt ist, ziehen Sie kräftig daran. Es darf sich nicht bewegen und sollte einem Zug von mindestens 20 kg standhalten.
  5. Regelmäßig prüfen: Kontrollieren Sie die Festigkeit der Verankerung in regelmäßigen Abständen, da sich Schrauben mit der Zeit lockern können.

Wie verwandeln Sie das Regalbrett in eine aktive Spiel-Landschaft für Autos oder Puppen?

Ein Montessori-Regal ist weit mehr als nur ein Ort zur Aufbewahrung von Spielzeug; es ist eine Bühne für die Fantasie. Die oberste Fläche eines niedrigen Regals, auf perfekter Spielhöhe für ein stehendes Kleinkind, bietet eine ideale Plattform, um kleine, einladende Spielwelten zu schaffen. Anstatt Spielzeug nur passiv zu lagern, können Sie es aktiv inszenieren und so die Kreativität und das narrative Spiel Ihres Kindes anregen. Diese „Tableaus“ oder Spiel-Landschaften laden das Kind ein, sofort in eine Geschichte einzutauchen.

Die Gestaltungsmöglichkeiten sind endlos und können sich an den Interessen des Kindes oder den Jahreszeiten orientieren. Wie Westwing in einem Beispiel für deutsche Jahreszeiten vorschlägt, kann ein Regal im Herbst mit gesammelten Kastanien, bunten Blättern und kleinen Holzfiguren dekoriert werden. Im Winter entsteht vielleicht eine Schneelandschaft mit Watte und selbstgebastelten Figuren. Materialien wie selbstklebendes Straßen-Tape, blaue Filzstücke als Seen oder grüne als Wiesen verwandeln eine simple Holzoberfläche in eine Miniaturwelt für Autos, Tiere oder Puppen.

Regalbrett verwandelt in Miniatur-Spiellandschaft mit Holzautos und Filzwiese

Wichtig ist, dass diese Landschaften nicht überladen sind. Sie sollten eine klare Szene darstellen und Raum für die eigene Fantasie des Kindes lassen. Kleine, batteriebetriebene LED-Lichterketten können für eine magische Atmosphäre sorgen – achten Sie hierbei unbedingt auf ein TÜV-Siegel und eine sichere Verwahrung des Batteriefachs. Solche einfachen Materialien sind in deutschen Baumärkten wie OBI oder Hornbach leicht erhältlich und ermöglichen eine ständige Neugestaltung der Spielumgebung.

Durch diese kreative Inszenierung wird das Regal von einem reinen Möbelstück zu einem lebendigen Teil des Spiels. Es fördert nicht nur die Ordnung, indem es einen definierten Spielbereich schafft, sondern regt auch zu komplexeren Spielhandlungen an. Das Kind lernt, Geschichten zu entwickeln und seine Fantasie auf einer begrenzten, aber inspirierenden Fläche zu entfalten.

Warum fördern offene Fächer auf Augenhöhe die Selbstständigkeit nach Montessori?

Der Kern der Montessori-Pädagogik liegt darin, dem Kind die Werkzeuge für seine eigene Entwicklung an die Hand zu geben. Offene Regalfächer auf Augenhöhe sind ein perfektes Beispiel für dieses Prinzip in Aktion. Im Gegensatz zu geschlossenen Schränken oder unübersichtlichen Kisten, die den Inhalt verbergen, bieten offene Fächer eine klare, ehrliche Präsentation der verfügbaren Möglichkeiten. Das Kind kann auf einen Blick erfassen, welche Spielsachen und Materialien zur Verfügung stehen. Diese visuelle Klarheit ist die Grundvoraussetzung für eine echte, selbstbestimmte Wahl.

Dieser einfache Akt des Sehens, Wählens und Greifens ist ein kraftvoller motorischer und kognitiver Prozess. Er stärkt das Gefühl der Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit. Das Kind ist nicht auf die Hilfe oder die Vorschläge eines Erwachsenen angewiesen, sondern wird zum Akteur seiner eigenen Lern- und Spielprozesse. Wie die Montessori-Experten von YokoTower treffend formulieren:

Ein offenes Regal erlaubt dem Kind, das vorhandene Spielzeug klar zu sehen und frei auszuwählen, womit es spielen möchte. Dieser einfache Vorgang – selbstständig ein Objekt zu greifen – fördert das Gefühl von Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit.

– YokoTower Montessori-Experten, Montessori Spielzeugregal – Ordnung & Selbstständigkeit fördern

Dieses Prinzip lässt sich auf den gesamten Alltag übertragen. Die Bloggerin „Montessori-Mom“ berichtet beispielsweise, wie ein niedriges Regal im Flur, das mit dem Konzept des „offenen Ansatzes“ vieler deutscher Kitas kompatibel ist, die morgendliche Routine revolutionieren kann. Wenn ein Kind selbstständig zwischen seinen zwei Paar Schuhen wählen, seine Bürste greifen und sich anziehen kann, startet es mit einem Gefühl von Kompetenz und Stolz in den Tag. Diese kleinen, wiederholten Erfolgsmomente bauen ein starkes Fundament für das Selbstvertrauen.

Offene Fächer sind also weit mehr als ein Designmerkmal. Sie sind ein Statement des Vertrauens in die Fähigkeiten des Kindes und ein entscheidendes Werkzeug, um eine Umgebung zu schaffen, die Unabhängigkeit nicht nur erlaubt, sondern aktiv fördert.

Wie ermitteln Sie die ideale Greifhöhe anhand der Körpergröße Ihres Kindes?

Die „perfekte“ Regalhöhe ist keine feste Zahl, sondern ein individuelles Maß, das sich direkt aus der Körpergröße Ihres Kindes ableitet. Um eine wirklich ergonomische und frustfreie Umgebung zu schaffen, ist es entscheidend, die funktionale Greifhöhe Ihres Kindes zu ermitteln. Dies ist der Bereich, in dem es Gegenstände mühelos und ohne übermäßige Anstrengung greifen, betrachten und wieder ablegen kann. Eine allgemeine Orientierung bietet die Schulterhöhe: Wie das Möbelhaus Porta empfiehlt, liegt die Schulterhöhe bei 2-Jährigen bei ca. 50-60 cm und bei 4-Jährigen bei etwa 70-80 cm. Die oberste nutzbare Ablagefläche sollte diese Höhe nicht überschreiten.

Für eine präzisere Messung können Sie eine einfache Methode anwenden, um die verschiedenen Greifzonen Ihres Kindes zu bestimmen. Diese Zonen helfen Ihnen, das Regal optimal zu organisieren und Materialien entsprechend ihrer Nutzungshäufigkeit zu platzieren.

Führen Sie die Messung ganz einfach selbst durch, um die drei wichtigsten Zonen für die Regalorganisation zu definieren:

  1. Zone 1 ermitteln (Primärzone): Bitten Sie Ihr Kind, sich entspannt hinzustellen und den Arm locker hängen zu lassen. Lassen Sie es den Arm dann in eine bequeme Position anwinkeln, etwa im 90-Grad-Winkel. Die Höhe seiner Hand markiert die komfortabelste Greifzone. Hier sollten die am häufigsten genutzten und beliebtesten Spielzeuge platziert werden.
  2. Zone 2 definieren (Sekundärzone): Der Bereich etwa 10-15 cm über und unter der Primärzone bildet die Zone 2. Hier können seltener genutzte Materialien oder Spielzeuge platziert werden, die eine etwas größere motorische Herausforderung darstellen dürfen.
  3. Zone 3 festlegen (Tertiärzone): Die obersten und untersten Bereiche des Regals bilden die Zone 3. Diese eignen sich für Dekoration (oben) oder für größere, robustere Gegenstände wie Körbe (unten). Diese Bereiche können auch für Materialien genutzt werden, die nur gemeinsam mit den Eltern verwendet werden sollen.

Durch diese Gliederung schaffen Sie eine logische und intuitive Ordnung, die Ihr Kind unbewusst erlernt. Es weiß genau, wo es seine Lieblingssachen findet und kann diese selbstständig erreichen und auch wieder wegräumen. Diese individuelle Anpassung ist der wahre Schlüssel zu einer funktionierenden „vorbereiteten Umgebung“.

Das Wichtigste in Kürze

  • Höhe ist entscheidend: Die ideale Regalhöhe (ca. 50-63 cm für Kleinkinder) ist auf die Körpergröße abgestimmt und der Schlüssel zur Förderung von Selbstständigkeit.
  • Weniger ist mehr: Eine reduzierte Auswahl von 4-5 Spielzeugen in offenen Fächern verhindert Reizüberflutung und fördert Konzentration und Ordnungssinn.
  • Sicherheit zuerst: Alle niedrigen Möbel müssen zwingend an der Wand befestigt werden, um Kippunfälle zu vermeiden und eine sichere „Ja-Umgebung“ zu garantieren.

Hilf mir, es selbst zu tun: Wie setzen Sie Montessori im Kinderzimmer konsequent um?

Die Umsetzung der Montessori-Philosophie im Kinderzimmer ist weniger eine Frage des Budgets als vielmehr eine Frage der Haltung. Der Leitsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ bedeutet, die Welt konsequent aus der Perspektive des Kindes zu betrachten und Barrieren abzubauen. Es geht darum, eine Umgebung zu schaffen, die Autonomie, Respekt und Freiheit innerhalb klarer Grenzen fördert. Ein Regal auf Bauchnabelhöhe ist dabei ein starkes Symbol, aber es ist nur ein Teil eines größeren Ganzen.

Die konsequente Umsetzung bedeutet, dieses Prinzip auf alle Bereiche des Kinderzimmers auszuweiten. Ein Bodenbett statt eines Gitterbetts ermöglicht dem Kind, selbstständig aufzustehen und schlafen zu gehen. Ein kleiner Tisch mit Stuhl in der richtigen Höhe schafft einen eigenen Arbeits- und Kreativbereich. Ein niedriger Spiegel mit einer danebenliegenden Bürste lädt zur selbstständigen Körperpflege ein. Jeder dieser Aspekte trägt dazu bei, dem Kind die Kontrolle über seine eigene Welt zu geben und sein Selbstwertgefühl zu stärken.

Es geht darum, Routinen und Strukturen zu etablieren, die dem Kind Orientierung geben. Ein fester Platz für jedes Spielzeug, klare Regeln für das Aufräumen und die Freiheit, innerhalb dieser sicheren Struktur eigene Entscheidungen zu treffen. Indem wir dem Kind vertrauen und ihm die richtigen Werkzeuge an die Hand geben, befähigen wir es, sein volles Potenzial zu entfalten. Die „vorbereitete Umgebung“ ist somit ein Ausdruck des Respekts vor der inneren Antriebskraft des Kindes, zu lernen und zu wachsen.

Beginnen Sie noch heute damit, einen Bereich im Kinderzimmer nach diesen Prinzipien umzugestalten. Beobachten Sie Ihr Kind und passen Sie die Umgebung an seine Bedürfnisse an, um seine Reise zur Selbstständigkeit aktiv zu unterstützen.

Häufige Fragen zu Montessori im Kinderzimmer

Muss ich spezielle Montessori-Möbel kaufen?

Nein, Christiane Salvenmoser von der Österreichischen Montessori-Akademie betont, dass es nicht um teure Anschaffungen geht. Der Fokus liegt auf der Funktion, nicht auf der Marke. Eine einfache Kindermatratze auf dem Boden erfüllt denselben Zweck wie ein teures Bodenbett, da sie dem Kind ermöglicht, selbstständig aufzustehen.

Welche günstigen Alternativen gibt es zu Montessori-Möbeln?

Günstige und funktionale Möbel von IKEA eignen sich hervorragend, um die Montessori-Prinzipien umzusetzen. Die Regalsysteme TROFAST oder KALLAX (quergelegt) sind sehr beliebt. Auch das Spielregal von Ehrenkind (ca. 110-120€) ist eine gute Option. Zudem sind Funde auf Online-Plattformen wie Kleinanzeigen oder in lokalen Gebrauchtwarenläden (Brockenhäusern) ideale und nachhaltige Alternativen.

Wie gehe ich mit kleinen Wohnungen um?

Die Montessori-Pädagogik ist flexibel und es geht darum, die Prinzipien an die eigene Wohnsituation anzupassen. Sie müssen nicht 80 Quadratmeter umbauen. Es reicht völlig aus, kleine, definierte Bereiche in der Wohnung kindgerecht zu gestalten – eine Leseecke im Wohnzimmer, ein niedriges Regal im Flur oder ein zugänglicher Bereich in der Küche können bereits einen großen Unterschied machen.

Geschrieben von Sarah Lichtenberg, Montessori-Pädagogin und Erzieherin mit Schwerpunkt auf vorbereitete Lernumgebungen und kindliche Autonomie. Expertin für entwicklungsförderndes Spielzeug und Raumgestaltung.