
Der typische „Neugeruch“ von Möbeln ist kein Zeichen von Frische, sondern ein chemisches Warnsignal für die Ausgasung von Schadstoffen, die besonders für Kinder bedenklich sind.
- Flüchtige organische Verbindungen (VOCs) aus Lacken und Spanplatten können Allergien, Kopfschmerzen und Atemwegsreizungen verursachen.
- Geprüfte Siegel wie der „Blaue Engel“ garantieren Grenzwerte, die bis zu 50 % strenger sind als die gesetzlichen Mindestanforderungen.
Empfehlung: Priorisieren Sie die Quellenreduktion durch die Wahl emissionsarmer Materialien und lassen Sie neue Einrichtungsgegenstände konsequent in einem separaten Raum ausdünsten, bevor sie ins Kinderzimmer gelangen.
Der Einzug neuer Möbel ins Kinderzimmer ist oft mit Freude verbunden. Doch häufig begleitet ihn ein stechender, chemischer Geruch. Viele Eltern nehmen diesen „Neugeruch“ als unvermeidlich oder gar als Zeichen von Neuwertigkeit hin. Aus meiner Perspektive als Umweltchemiker und Baubiologe ist diese Wahrnehmung jedoch fatal. Dieser Geruch ist ein Cocktail aus flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), die aus Lacken, Klebstoffen und Holzwerkstoffen entweichen. Das kindliche Immunsystem und die sich entwickelnden Organe reagieren darauf besonders empfindlich.
Die üblichen Ratschläge wie „einfach gut lüften“ oder „auf Naturholz setzen“ sind zwar gut gemeint, greifen aber oft zu kurz. Sie bekämpfen die Symptome, aber nicht die Ursache auf molekularer Ebene. Um wirklich ein gesundes Umfeld für Ihr Kind zu schaffen, müssen wir tiefer blicken: Wir müssen die Ausgasungsdynamik verstehen – also wie und wie lange Schadstoffe aus einem Material entweichen. Es geht darum, die Emissionsquellen von vornherein zu minimieren, anstatt nur die Konzentration in der Luft temporär zu senken.
Dieser Artikel verfolgt daher einen anderen Ansatz. Wir werden nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern die chemischen Prozesse hinter den Ausdünstungen beleuchten. Sie werden lernen, wie Sie Schadstoffquellen gezielt identifizieren, die Aussagekraft von Gütesiegeln richtig deuten und eine wirksame Hierarchie an Maßnahmen für ein schadstoffarmes Kinderzimmer aufbauen. Denn wahre Sicherheit entsteht nicht durch Zufall, sondern durch informiertes Handeln.
Um Ihnen einen klaren Weg durch dieses komplexe Thema zu weisen, haben wir den Artikel in übersichtliche Abschnitte gegliedert. Jeder Teil beantwortet eine zentrale Frage und gibt Ihnen konkrete, wissenschaftlich fundierte Werkzeuge an die Hand.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg zum schadstoffarmen Kinderzimmer
- Warum verursachen flüchtige organische Verbindungen Kopfschmerzen und Allergien bei Kindern?
- Woran erkennen Sie am Etikett oder Geruch, ob ein Lack wirklich auf Wasserbasis ist?
- Warum sind Möbel mit dem „Blauen Engel“ emissionsärmer als gesetzlich vorgeschrieben?
- Wie lange müssen Sie lackierte Möbel in einem separaten Raum auslüften lassen?
- Welche Farben aus dem Baumarkt sind sicher für das Upcycling von Kinderbetten?
- Warum gast Formaldehyd aus billigen Spanplatten jahrelang aus und reizt die Atemwege?
- Warum laden sich Baumwollteppiche nicht statisch auf und binden weniger Staub?
- Wie erkennen Sie unsichtbare Gifte in Kindermöbeln und vermeiden gesundheitliche Spätfolgen?
Warum verursachen flüchtige organische Verbindungen Kopfschmerzen und Allergien bei Kindern?
Flüchtige organische Verbindungen, kurz VOCs, sind eine Gruppe von gas- und dampfförmigen Stoffen, die bei Raumtemperatur leicht aus festen oder flüssigen Materialien entweichen. Im Kinderzimmer stammen sie aus einer Vielzahl von Quellen: neue Möbel, Lacke, Teppichböden, Spielzeug und sogar Reinigungsmittel. Das Problem liegt in ihrer Unsichtbarkeit und der permanenten Exposition. Kinder sind besonders gefährdet, da sie im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht mehr Luft einatmen und ihre Entgiftungsorgane noch nicht vollständig ausgereift sind.
Die gesundheitlichen Auswirkungen reichen von unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen bis hin zu ernsteren Folgen. Bestimmte VOCs reizen die Augen und Atemwege und können Allergien auslösen oder verschlimmern. Eine wissenschaftliche Studie bestätigt, dass Propylenglykol und Glykolether nachweislich die Wahrscheinlichkeit von Asthma, Ekzemen und allergischem Schnupfen bei Vorschulkindern erhöhen. Hier spricht man vom „chemischen Cocktail-Effekt“: Nicht eine einzelne Substanz ist das Problem, sondern die Summe und Wechselwirkung vieler verschiedener Chemikalien in der Raumluft.
Die erste und wichtigste Maßnahme ist daher die Reduzierung der Gesamtbelastung. Regelmäßiges, kurzes Stoßlüften bei weit geöffnetem Fenster ist weitaus effektiver als ein Fenster auf Kipp. Es sorgt für einen schnellen und vollständigen Luftaustausch, ohne die Wände auszukühlen. Zusätzlich sollten Böden regelmäßig feucht gewischt werden, um auch schwerflüchtige Schadstoffe zu binden, die sich im Hausstaub ablagern. Auf aggressive Reiniger und Raumluftsprays sollten Sie im Kinderzimmer gänzlich verzichten, da diese selbst wieder VOCs in die Luft einbringen.
Woran erkennen Sie am Etikett oder Geruch, ob ein Lack wirklich auf Wasserbasis ist?
Die Bezeichnung „auf Wasserbasis“ oder „Acryllack“ suggeriert Umwelt- und Gesundheitsfreundlichkeit. Doch Vorsicht: Auch diese Lacke sind nicht zwangsläufig frei von Schadstoffen. Sie enthalten zwar weniger organische Lösemittel als klassische Kunstharzlacke, können aber immer noch Biozide zur Konservierung, Weichmacher und andere VOCs freisetzen. Sich allein auf den Geruch zu verlassen, ist trügerisch – viele schädliche Substanzen sind geruchlos.
Der einzig verlässliche Weg ist ein genauer Blick auf das Technische Merkblatt des Produkts. Dieses Dokument, das oft online auf der Herstellerseite zu finden ist, liefert präzise Angaben zum VOC-Gehalt. Die europäische Decopaint-Richtlinie legt fest, dass der VOC-Gehalt von matten Innenanstrichen für Wände und Decken seit 2010 maximal 30 g/l betragen darf. Wirklich emissionsarme Produkte unterschreiten diesen Wert deutlich und weisen oft nur 1 g/l oder weniger auf. Suchen Sie nach dieser Angabe, um eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Wie die Abbildung andeutet, liegt die Wahrheit im Detail. Achten Sie auf Prüfsiegel, die über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehen. Der „Blaue Engel“ (insbesondere DE-UZ 12a für Lacke) ist hier ein starker Indikator für ein emissionsarmes Produkt. Er garantiert nicht nur einen niedrigen VOC-Gehalt, sondern schließt auch den Einsatz bestimmter gesundheitsschädlicher Substanzen von vornherein aus. Eine weitere Orientierung bietet die DIN EN 71-3 Norm, die sicherstellt, dass der getrocknete Lack „speichel- und schweißecht“ ist – ein absolutes Muss für Kindermöbel und Spielzeug.
Warum sind Möbel mit dem „Blauen Engel“ emissionsärmer als gesetzlich vorgeschrieben?
Viele Eltern glauben, dass alle in Deutschland verkauften Produkte strengen Gesundheitsstandards unterliegen und somit sicher sind. Das ist ein gefährlicher Trugschluss, besonders beim Thema Formaldehyd aus Holzwerkstoffen wie Spanplatten. Der gesetzliche Grenzwert, die sogenannte E1-Norm, ist lediglich eine Mindestanforderung, die primär baurechtliche Zwecke erfüllt, aber keine umfassende Gesundheitsvorsorge darstellt.
Freiwillige und anspruchsvollere Umweltzeichen wie der „Blaue Engel“ (RAL-UZ 38 für Möbel) setzen hier an. Sie definieren deutlich strengere Kriterien, die weit über das gesetzlich geforderte Maß hinausgehen. Der entscheidende Unterschied liegt in den erlaubten Emissionswerten, die in einer Prüfkammer gemessen werden. Während der gesetzliche Grenzwert eine Konzentration von 0,1 ppm (parts per million) Formaldehyd in der Prüfluft erlaubt, halbieren anerkannte Siegel diesen Wert.
Die folgende Tabelle verdeutlicht, wie viel strenger die Anforderungen von Gütesiegeln im Vergleich zur gesetzlichen Norm sind, basierend auf den Daten des ökologischen Baustoffinformationssystems WECOBIS:
| Standard | Formaldehyd-Grenzwert | Unterschied zum Gesetz |
|---|---|---|
| Gesetzlicher Grenzwert (E1-Norm) | 0,1 ppm (124 µg/m³) | Basisanforderung |
| Blauer Engel (RAL-UZ 38) | 0,05 ppm (62 µg/m³) | 50% niedriger |
| Goldenes M (RAL-GZ 430) | 0,05 ppm (62 µg/m³) | 50% niedriger |
Diese Zahlen zeigen: Ein Möbelstück mit dem Blauen Engel darf nur halb so viel Formaldehyd ausgasen wie ein Möbelstück, das „nur“ die gesetzliche Norm erfüllt. Dr. Gerd Zwiener, ein Experte auf diesem Gebiet, bringt es im Informationsportal WECOBIS auf den Punkt:
Die Höhe des Richtwertes ist aber nicht geeignet eine ausreichende Gesundheitsvorsorge sicherzustellen. Die Gesundheitsvorsorge ist ausdrücklich auch nicht das Ziel des Gesetzgebers (Baurecht).
– Dr. Gerd Zwiener, WECOBIS – Ökologisches Baustoffinformationssystem
Für Eltern bedeutet das: Die aktive Suche nach Möbeln mit dem Blauen Engel oder dem Goldenen M ist keine übertriebene Vorsicht, sondern eine bewusste Entscheidung für einen höheren Gesundheitsstandard im Kinderzimmer.
Wie lange müssen Sie lackierte Möbel in einem separaten Raum auslüften lassen?
Die Frage nach der Dauer des „Auslüftens“ ist eine der häufigsten – und eine der am schwierigsten pauschal zu beantwortenden. Angaben wie „einige Tage“ oder „bis der Geruch weg ist“ sind wissenschaftlich unhaltbar. Die Ausgasungsdynamik hängt von vielen Faktoren ab: der Art und Menge des Materials, der Lackierung, der Raumtemperatur und der Luftfeuchtigkeit. Höhere Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit beschleunigen die Freisetzung von VOCs.
Anstatt sich auf die eigene Nase zu verlassen, sollten wir uns an wissenschaftlichen Richtwerten orientieren. Das Umweltbundesamt hat hierfür den TVOC-Wert (Total Volatile Organic Compounds) etabliert, der die Summe aller flüchtigen organischen Verbindungen in der Raumluft misst. Gemäß den aktuellen Empfehlungen des Ausschusses für Innenraumrichtwerte gilt ein Wert von unter 1 mg/m³ TVOC als hygienisch unbedenklich. Ein dauerhafter Aufenthalt in Räumen mit Werten über 3 mg/m³ ist hingegen inakzeptabel.
Wie lange dauert es also, bis dieser sichere Wert erreicht ist? Bei einem neuen, lackierten Möbelstück kann die anfängliche Konzentration sehr hoch sein. Die Ausgasung folgt einer exponentiellen Abfallkurve: In den ersten Tagen und Wochen ist die Freisetzung am höchsten und nimmt dann langsam ab. Eine pauschale Zeitangabe ist unseriös, aber als Faustregel aus der baubiologischen Praxis gilt: Planen Sie für ein intensiv riechendes Möbelstück mindestens zwei bis vier Wochen Ausdünstungszeit in einem gut belüfteten, separaten Raum (z.B. Keller oder Garage), bevor es ins Kinderzimmer kommt. Lüften Sie diesen Raum mehrmals täglich kräftig durch.
Wenn nach Wochen immer noch ein starker Geruch wahrnehmbar ist oder gesundheitliche Beschwerden auftreten, kann eine professionelle Raumluftanalyse durch einen Sachverständigen sinnvoll sein. Diese Experten können Kurz- oder Langzeitmessungen durchführen, um die genaue Schadstoffbelastung zu ermitteln und die Quellen zu identifizieren.
Welche Farben aus dem Baumarkt sind sicher für das Upcycling von Kinderbetten?
Das Upcycling von alten Möbeln ist nachhaltig und individuell. Doch gerade beim Streichen eines Kinderbettes ist höchste Vorsicht geboten, da Babys und Kleinkinder dazu neigen, an den Gitterstäben zu nuckeln und zu beißen. Die Farbe muss daher nicht nur emissionsarm, sondern auch absolut unbedenklich bei direktem Kontakt sein.
Die sicherste Wahl sind Farben, die explizit für Kinderspielzeug zertifiziert sind. Das entscheidende Kennzeichen hierfür ist die Norm DIN EN 71-3: „Sicherheit von Spielzeug – Teil 3: Migration bestimmter Elemente“. Diese Norm stellt sicher, dass auch bei Speichel- oder Schweißkontakt keine Schwermetalle oder andere schädliche Substanzen aus der getrockneten Farbschicht gelöst und vom Kind aufgenommen werden können. Diese Zertifizierung ist ein absolutes Muss und sollte prominent auf dem Gebinde ausgewiesen sein.

Neben der DIN EN 71-3 sind weitere Kriterien zu beachten. Bevorzugen Sie Farben, die zusätzlich mit dem „Blauen Engel“ (DE-UZ 12a) oder anderen strengen Öko-Siegeln (z.B. „Eco Institut Tested Product“) ausgezeichnet sind. Diese garantieren minimale VOC-Emissionen. Auch rein mineralische Farben wie Silikat- oder Kalkfarben sind eine gute, diffusionsoffene und von Natur aus schimmelwidrige Alternative, eignen sich aber nicht für alle Untergründe. Um Ihnen die Auswahl im Baumarkt zu erleichtern, dient die folgende Checkliste als Leitfaden.
Ihre Checkliste für sichere Kinderzimmerfarben
- DIN EN 71-3 prüfen: Achten Sie auf die explizite Auszeichnung „speichel- und schweißecht“ oder „für Kinderspielzeug geeignet“. Dies ist die wichtigste Eigenschaft.
- Zusätzliche Prüfsiegel suchen: Der „Blaue Engel“ (DE-UZ 12a) oder das Siegel „Eco Institut Tested Product“ garantieren zusätzlich niedrige Emissionswerte in die Raumluft.
- VOC-Gehalt kontrollieren: Vergleichen Sie das Technische Merkblatt. Wählen Sie Produkte mit dem niedrigsten VOC-Wert (ideal: ≤ 1 g/l).
- Auf Konservierungsmittel achten: Fragen Sie gezielt nach Produkten ohne Isothiazolinone, da diese Kontaktallergien auslösen können.
- Mineralische Farben in Betracht ziehen: Prüfen Sie, ob für Ihren Untergrund Silikat- oder Kalkfarben geeignet sind, da diese von Natur aus sehr emissionsarm sind.
Warum gast Formaldehyd aus billigen Spanplatten jahrelang aus und reizt die Atemwege?
Formaldehyd ist einer der bekanntesten und hartnäckigsten Schadstoffe in Innenräumen. Seine primäre Quelle sind formaldehydhaltige Leime, die zur Herstellung von Holzwerkstoffen wie Span-, MDF- oder OSB-Platten verwendet werden. Diese Materialien bilden das Grundgerüst der meisten preisgünstigen Möbel. Das Tückische an Formaldehyd ist seine langsame und kontinuierliche Freisetzung, ein Prozess, der als Materialdiffusion bezeichnet wird.
Stellen Sie sich die Spanplatte wie einen Schwamm vor, der mit Formaldehyd getränkt ist. Der Schadstoff ist nicht nur an der Oberfläche, sondern tief im Material gebunden. Über Monate und sogar Jahre hinweg diffundiert er langsam an die Oberfläche und gast von dort in die Raumluft aus. Dieser Prozess kann durch hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit beschleunigt werden. Deshalb riechen Möbel oft im Sommer oder in schlecht gelüfteten Räumen stärker. Auch wenn in Deutschland nur Platten der Emissionsklasse E1 verkauft werden dürfen, die unter Testbedingungen nicht mehr als 0,1 ppm abgeben, kann die Belastung in einem realen Raum mit vielen Möbeln und wenig Lüftung dennoch relevant sein.
Die Langzeitexposition selbst bei niedrigen Konzentrationen kann die Schleimhäute der Augen und Atemwege reizen, Allergien verstärken und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Was können Sie also tun, wenn Sie bereits Möbel aus Spanplatten besitzen? Der effektivste Ansatz nach der Wahl von Massivholz ist die Versiegelung der Emissionsquellen. Die größten Mengen an Formaldehyd entweichen über unbeschichtete, offene Kanten und Schnittflächen sowie durch Bohrlöcher. Eine merkliche Reduzierung der Raumluftbelastung kann oft schon erreicht werden, indem diese Stellen sorgfältig versiegelt werden. Hierfür eignet sich ein emissionsarmer Acryllack (z.B. mit Blauem Engel DE-UZ 12a) oder eine geeignete Dichtmasse, die die Poren schließt und die Diffusion des Schadstoffs in die Raumluft blockiert.
Warum laden sich Baumwollteppiche nicht statisch auf und binden weniger Staub?
Der Bodenbelag hat einen großen Einfluss auf die Raumluftqualität, da Kinder viel Zeit auf dem Boden verbringen. Bei der Wahl eines Teppichs für das Kinderzimmer stehen Eltern oft vor der Frage: Naturfaser oder Synthetik? Aus baubiologischer Sicht ist die Antwort klar: Naturfasern wie Baumwolle oder Jute sind synthetischen Materialien wie Polyamid oder Polyester deutlich vorzuziehen.
Der entscheidende Vorteil von Baumwolle liegt in ihren physikalischen Eigenschaften. Baumwollfasern sind hygroskopisch, das heißt, sie können Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen und wieder abgeben. Diese Fähigkeit zur Feuchtigkeitsregulierung verhindert effektiv die statische Aufladung, die bei synthetischen Teppichen ein häufiges Problem ist. Eine geringere statische Aufladung bedeutet, dass der Teppich weniger Staub und Haare anzieht und festhält. Der Staub, der sich auf einem Baumwollteppich absetzt, kann leichter und gründlicher abgesaugt werden, was die Belastung durch Hausstaub und die darin gebundenen Schadstoffe reduziert.
Im Gegensatz dazu wirken synthetische Teppiche wie Staubmagnete und können die feinen Partikel beim Begehen wieder in die Luft aufwirbeln. Auch bei Naturfasern gibt es Unterschiede: Während Baumwolle eine exzellente Wahl ist, ist bei Wollteppichen Vorsicht geboten. Viele von ihnen sind standardmäßig mit Mottenschutzmitteln (z.B. Permethrin) behandelt, die als Nervengift wirken und für Säuglinge und Kleinkinder gesundheitlich bedenklich sind. Wenn Sie sich für Wolle entscheiden, fragen Sie explizit nach einem Teppich ohne Mottenschutzausrüstung.
Generell gilt: Je glatter und pflegeleichter die Oberflächen im Kinderzimmer, desto besser. Ein abwaschbarer Holzboden mit einem kleinen, waschbaren Baumwollteppich als Spielinsel ist aus hygienischer Sicht die Ideallösung. Vermeiden Sie zudem unbedingt Bodenbeläge oder Spielmatten aus PVC, da diese gesundheitsschädliche Weichmacher (Phthalate) enthalten können.
Das Wichtigste in Kürze
- Der „Neugeruch“ ist ein Warnsignal für die Ausgasung von VOCs, die besonders für Kinder gesundheitsschädlich sind.
- Zertifikate wie der „Blaue Engel“ garantieren Emissionsgrenzwerte, die bis zu 50% unter den gesetzlichen Mindestanforderungen liegen.
- Die effektivste Strategie ist die Quellenreduktion: Wählen Sie emissionsarme Materialien (Massivholz, zertifizierte Lacke) und dünsten Sie neue Möbel vorab aus.
Wie erkennen Sie unsichtbare Gifte in Kindermöbeln und vermeiden gesundheitliche Spätfolgen?
Nachdem wir die einzelnen Schadstoffquellen und Lösungsansätze betrachtet haben, fügen wir nun alles zu einer strategischen Gesamtschau zusammen. Der Schlüssel zur Vermeidung von Spätfolgen liegt nicht darin, panisch auf jeden Geruch zu reagieren, sondern darin, eine klare Emissionsquellen-Hierarchie zu verstehen und Prioritäten zu setzen. Nicht jede Schadstoffquelle hat den gleichen Einfluss auf die Gesundheit Ihres Kindes.
Die größte und längste Exposition geht von den flächenmäßig größten und körpernächsten Objekten aus. Deshalb hat die Wahl der richtigen Matratze und Wandfarbe eine weitaus höhere Priorität als die eines kleinen Holzspielzeugs. Studien zeigen, dass in Kinderzimmern mit Standardbaustoffen eine bis zu 15 Mal höhere Schadstoffkonzentration herrschen kann als in wohngesunden Vergleichsräumen. Konzentrieren Sie Ihr Budget und Ihre Aufmerksamkeit daher auf die folgenden Bereiche, geordnet nach Wichtigkeit:
- Priorität 1 (Nicht verhandelbar): Matratze und Wandfarbe. Ihr Kind verbringt viele Stunden im direkten Kontakt mit der Matratze. Wählen Sie ein Modell aus geprüften Naturmaterialien (z.B. Latex, Kokos) mit Zertifikaten wie dem QUL-Siegel. Verwenden Sie für die Wände ausschließlich emissionsarme, konservierungsmittelfreie Farben (z.B. Silikatfarben oder zertifizierte Dispersionsfarben).
- Priorität 2 (Wichtig): Bodenbelag und große Möbel. Bevorzugen Sie glatte, wischbare Böden aus Massivholz oder Kork. Bei Möbeln ist Massivholz, das nur mit Ölen oder Wachsen behandelt wurde, die beste Wahl. Wenn Sie sich für Holzwerkstoffe entscheiden, achten Sie zwingend auf den „Blauen Engel“.
- Priorität 3 (Optimierung): Textilien, Deko und Spielzeug. Wählen Sie Vorhänge, Bettwäsche und Teppiche aus Naturfasern wie Baumwolle (kbA-Qualität). Achten Sie bei Spielzeug auf das GS-Zeichen und die DIN EN 71-3 Norm.
Unsichtbare Gifte zu erkennen, bedeutet, über den Geruch hinauszublicken und informierte Entscheidungen auf Basis von Materialien und Zertifikaten zu treffen. Verlassen Sie sich auf unabhängige Testberichte von Institutionen wie der Stiftung Warentest oder ÖKO-TEST und nutzen Sie die Beratungsangebote der Verbraucherzentralen. So wandeln Sie Sorge in kompetentes Handeln um und schaffen ein Umfeld, in dem Ihr Kind sicher und gesund aufwachsen kann.
Häufige Fragen zu Schadstoffen im Kinderzimmer
Warum sollte man Wollteppiche im Kinderzimmer meiden?
Viele Wollteppiche sind standardmäßig mit Mottenschutzmitteln wie Permethrin behandelt. Diese Substanzen sind neurotoxisch und können besonders die Gesundheit von Säuglingen und Kleinkindern belasten, die in engem Kontakt mit dem Teppich stehen. Wenn Sie einen Wollteppich wählen, achten Sie explizit auf den Vermerk „ohne Mottenschutzausrüstung“.
Welche Pflanzen eignen sich zur Luftreinigung im Kinderzimmer?
Obwohl Pflanzen die Raumluftqualität verbessern können, ist ihr Effekt oft überschätzt und ersetzt keine gute Lüftung. Wichtig ist vor allem, dass die Pflanzen ungiftig sind. Sicher für Kinderzimmer sind beispielsweise die Kentia-Palme oder die Grünlilie. Die Aloe Vera ist ebenfalls ungiftig und bekannt dafür, Formaldehyd aus der Luft zu filtern.
Wie erkenne ich PVC-haltige Produkte?
PVC (Polyvinylchlorid) ist ein harter Kunststoff, der durch die Zugabe von Weichmachern (oft Phthalate) elastisch gemacht wird. Man findet es in manchen Bodenbelägen, Spielmatten oder auch Spielzeugen. Da diese Weichmacher ausgasen und gesundheitlich bedenklich sind, ist es am besten, Produkte aus PVC im Kinderzimmer und idealerweise in der ganzen Wohnung zu vermeiden. Achten Sie auf Produktkennzeichnungen und bevorzugen Sie Alternativen aus Holz, Kautschuk oder Polypropylen (PP).